Bericht zur Gruppenreise in Jordanien (25.09.04 ? 16.10.04) Alexej Sesterheim Drucken E-Mail

Als wir all'samt lobesam
Ins heilge Land gezogen kam'
Da mußten wir mit dem frommen Heer
Durch ein Gebirge wüst und leer.
...
und mancher deutsche Gruppenmann
hat dort den Trunk sich abgetan.

Sabach al-khayr! - Guten Morgen!
Ich habe zum zweiten Mal in meinem Leben eine sehr langwierige
Hauterkrankung. Beim ersten Mal war sie während einer Reise ans Mittelmeer
wie weggeblasen. Das war 1971 für die ganzen 7 Wochen der Reise gewesen. Und
letztes Jahr wollte ich es einmal mit dem Toten Meer versuchen und kam über
dieses Stichwort zur Psoriasis-Selbsthilfegruppe von Margitta Heß in der
Rhön. Doch es war zu spät - der Zug zum Buchen abgefahren. Dieses Jahr war
ich früher und flog mit. Erst mit dem Zug von Gerolstein nach Frankfurt.
Dort etablierte ich mich in der Jugendherberge und besuchte Freunde. Am
nächsten Morgen, Samstag dem 25. September, kaufte ich mir noch ein
Moskitonetz (das auch jetzt noch ungeöffnet in meinem Zimmer liegt. Ich hab
ja nicht soviel in der Sonne und in den Fliegen geschmort wie die andern -
s.u.) Auf dem Flughafen lernte ich dann die ersten andern Teilnehmer und die
Margitta kennen. Von Frankfurt nach München und Amman saß ich gleich neben
meinem zukünftigen Zimmernachbarn Reinhard aus Potsdam. Das Beeindruckendste
nachts in Amman Airport war eine Riesengruppe von Indern in einem Warteraum,
die mit ihren meist weißen Wickelkleidern, Lendentüchern, Kopftüchern, zum
Teil halbnackt und in für uns völlig ungewohnten Sitzstellungen an
Filmszenen aus "Und die Bibel hat doch recht" erinnerten und daran, daß es
zum Glück noch völlig andere Kulturkreise als den unseren gibt. Ein
versierter Beschäftigter unserer Dead Sea Spa begrußte uns: "Achlan
wa-sachlan!" (Herzlich willkommen.) Wie wir es gelernt hatten und um unser
Heimatland in der nächsten Pisastudie nicht noch schiefer abschneiden zu
lassen, kam aus unseren zehn Mündern wie aus einem die Antwort: "Achlan
bi-kum! As-salam alay-kum." Beeindruckt lotste er uns im Nu durch die ganzen
Grenzformalitäten, doch die Gepäckausgabe konnte auch er nicht
beschleunigen. Durch die dunkle Nacht ging es zum Toten Meer 400 Meter
unterm Meeresspiegel.
Nach Bezug des Doppelzimmers, hat uns Margitta so spät noch einen Imbiß
erbettelt und uns das Gelände mit den verschiedenen Schwimmbecken, dem
Solarium und dem Strand gezeigt - nachts um 2 Uhr. Ich bin danach noch ins
Meer gegangen - um auch keine Nacht der kostbaren drei Wochen das Salz auf
meiner Haut zu versäumen. Außerdem wollte ich gebührend dieses freundliche
Meer begrüßen. Ich bin ja sehr verfroren, doch hier war die Wassertemperatur
auf Körpertemperatur. Auskühlen war also kein Thema - mein Verbleiben im
Wasser war davon unabhängig. Anders war es tagsüber mit Sonnenstich und
-brand. Da habe ich aufgepaßt. Ich konnte (und brauchte zum Glück) nicht so
anhaltend im Solarium, sprich Nacktparadies (für Adams und Evas züchtig und
ganz unbiblisch getrennt) braten wie die meisten aus der Gruppe, die auf
diese Weise ihre von Psoriasis- oder Neurodermitis eingeschränkten
Hautzustände spürbar oder stark verbesserten. Ich war nicht an jedem Morgen
und Abend - zu Sonnenauf-und -untergang im Meer, doch es war wunderschön,
wenn ich es schaffte. Wir hatten genau den richtigen Zeitabschnitt erwischt,
wo fast nie eine Wolke am Himmel war, aber doch nicht mehr die Sommerhitze.
Obwohl das Wasser ja so toll trägt, daß man beim Schwimmen zum Teil Mühe
hat, überhaupt die Gliedmaßen unter Wasser zu halten um eine Rückstoßeffekt
zu erzielen, überfiel mich manchmal beim Hinausschwimmen die Angst: "Was
wäre, wenn es plötzlich nicht mehr trägt?" Dieser Mangel an Urvertrauen ist
ja bereits biblisch belegt von Petrus auf dem See Genezareth oder Tiberias.
Auch jenen See bekam ich zu Gesicht, als einige von uns Ende der ersten
Woche eine Fahrt unternahmen.
Vom Hotel aus organisiert oder auch privat konnten wir Fahrten zu
touristisch und historisch sehr interessanten Orten machen. Die erste, bei
der ich mitmachte, ging ins "Jordan Valley" bis hoch zu den Golan Höhen und
nach Al Quais, von wo wir denn auch jenen See sehen konnten, auf dem Jesus
seinen Jüngern das Gehen auf dem Wasser beibringen wollte. Oder war das in
Wirklichkeit doch hundert oder zweihundert Kilometer weiter südlich, dort,
wo auch ich mit diesen Ängsten zu versinken konfrontiert wurde? Über Jerash,
wo der Besessene von Gerasa geheilt worden war, ging es zurück. Ich hatte
nicht gewußt, daß solch biblische Stätten nicht alle nur in Israel liegen,
sondern genauso in den angrenzenden Ländern, besonders in Jordanien.
Petra war ein anderes Fahrtziel, unbedingt zu empfehlen für jeden
Jordanienreisenden. Auf der Fahrt mit einem Taxi, das wir zu Dreien aus
unserer Gruppe gemietet hatten, fuhren wir erst am Toten Meer Richtung
Süden. Eine Prophezeihung meiner Mutter ging dabei in Erfüllung: "Du landest
noch in Sodom und Gomorrha!" Auch Lots Weib, zur Salz/Steinsäule erstarrt,
stand noch dort, zur Abschreckung für alle, die es zu wild treiben möchten.
Kreuzritterburgen auf dem Weg. In Petra wie bereits in Um Quais sind aus
Denkmalschutzgründen vor Jahren die Beduinen, die dort in den Jahrtausende
alten Ruinen seßhaft waren, ausgesiedelt worden in nahegelegene neue
Stadtteile. In der einmaligen und wunder-schönen alten Nabatäerstadt Petra
handeln viele von ihnen jetzt mit Andenken oder bieten ihre Kamele, Esel,
Pferde, Kutschen als Taxis an. Überhaupt hat mich beeindruckt - Jordanien,
eine monarchisch-diktatorisch regiertes Entwicklungsland hat doch so viele
Aspekte, in denen es toleranter erscheint als unser so reiches und angeblich
so freies Deutschland: Ein ganzes Nomadenvolk, die Beduinen, halten, obwohl
man ihnen feste Häuser anbietet, an ihrer traditionellen nomadischen
Lebensweise fest, leben in Plastikplanenzelten, verdienen ihren
Lebensunterhalt wie in grauer Vorzeit mit Viehzucht, genießen gar einen
eigenen Gesetzesstatus, dürfen die sonst so streng bewachten Staatsgrenzen
ohne Pässe überschreiten. Im Kontrast dazu dann im Fernsehen Interviews mit
Deutschen, denen es noch immer "zu bunt" ist, wenn sie Tür an Tür mit
Menschen, die anders als sie selber sind, z. B. Türken, leben müssen.
Geschickt auf dieser Welle schwimmend folgten gleich die Bemühungen unserer
zu hause gelassenen ganz und gar unbiblischen Christlichen Demokraten, um
mit einer Unterschriftenaktion Multikulti in der EU zu verhindern. Kevin
allein zu hause - das konnte ja nicht gut gehen, und so wurde es Zeit, daß
wir wieder nach Deutschland zurückfuhren, ... um nach den Rechten
zu sehen.
Ich fand die Halbpension in unserem Hotel opulent und abwechslungsreich.
Auch das Personal war sehr zuvorkommend.
Zu Hause ohne Fernseher lebend habe ich das halbe Dutzend deutscher
Fernsehprogramme im Zimmer genossen. Auch Al Djazeera mal im Original zu
sehen, war interessant. Dazu der arabische Musikkanal, in dem einheimische
Künstler und Sängerinnen ihren "Habib" anschmachteten oder Probleme mit ihm
oder ihr besangen. Gerade auf diesem Programm kam für mich sehr viel von den
Problemen der Menschen zum Ausdruck - so wenig wie ich die Texte verstand,
so viel teilten doch die Bilder und Stimmen mit. Ganz spontan fand ich es
ehrlicher als unsere Art, miteinander umzugehen. Da ich es mir in West wie
Ost gönne, meine Gesprächspartner bezüglich ihrer Einstellung auf Frieden
mit Kindern manchmal gegen den Strich zu bürsten, habe ich allerdings auch
Sätze schwärzester Pädagogik und Patriarchalik und Intoleranz gehört: "Für
meine Töchter, wenn sie 18 sind, gibt es nur eins: Entweder in die Ehe oder
auf den Friedhof." So spiegelt sich der Horror der noch immer existierenden
staatlichen Todesstrafe in Jordanien in der Haltung vieler Eltern oder
umgekehrt. Doch ehe sich jetzt jemand auf Kreuzzug begibt, empfehle ich das
Kehren vor der eigenen Tür und das Vorangehen - nicht mit dem wack'ren
Schwaben Hannemann und dem Spieß - sondern mit dem eigenen guten Beispiel.
Glaubt mir, wenn dies ein Reisebericht über Deutschland wäre, könnte ich
solchen Sätzen eine Menge ähnlich schlimmer Erpressungssprüche gegen Kinder
aus diesem unserem Lande beigesellen und dazu eine erschreckende Menge von
Stimmen, die die Todesstrafe auch bei uns wieder einführen möchten. Und da
beißt sich die Katze in den Schwanz: Es liegt ja auf der Hand, daß die
Menschen, die vor lauter Wut auch bei uns die Achtung vor dem Menschenbild
wieder begraben möchten, diese Mißachtung in ihrem KinderZimmer handfest
gelernt haben. Von nix kütt nix.
Jordanien wäre es wert, auch unabhängig von Hautproblemen bereist zu
werden. Es gibt dort Jugendherbergen, und mit einem alten Mietwagen kostet
es bestimmt nicht zu viel. Ein wenig Sorgen machten wir uns alle um die
Zukunft des Toten Meeres, das durch zunehmende Trockenheit, die vermehrte
Wasserabschöpfung des Jordan, den industriell betriebenen Salzabbau im Süden
und durch Abwässer immer stärker in seiner Größe und einmaligen Heilkraft
geschwächt wird. Wenn es nicht bereits Weltkulturerbe ist, sollte es das so
bald wie möglich zum Nutzen aller Anrainerländer, der Touristikbranche, der
Weltenbummler und der Haut- und Rheumakranken der ganzen Welt werden - und
zum Nutzen der vier (Tier-?)Arten, die darinnen einheimisch sein sollen -
die nicht zu vergessen!
Die erste Woche verging sehr langsam, schien wunderbar lang, in jedem
Moment verarbeitete ich neue Eindrücke. Außerdem mußte ich erstmal meine
Seele baumeln lassen, Abstand zu zuhause gewinnen. Danach hatte ich mehr
Routine, was anscheinend die Zeit viel schneller vergehen ließ. Trotzdem -
es gab viel Gelegenheit für schöne Gespräche, vor allem auch solche, mit
denen man/frau seine/meine Probleme anders sehen lernt. Mehr von dem
gesellschaftlichen Leben in unserem Hotel kommt ja vielleicht auf den Fotos
raus. Psst. Nix weitererzählen! Oder will noch jemand ergänzen, was ich
vergessen habe? Am schnellsten verging die Zeit bei der Landung in
Frankfurt, als in Bruchteilen von Sekunden alle wieder ihrer Wege gingen.
Die ersten zwei Wochen habe ich auch hier den in Jordanien gewonnenen
Abstand weiter gepflegt und mich erst jetzt wieder auf Kontaktaufnahme
eingelassen. Die ersten zwei Wochen ist hier im deutschen Herbst meine Haut
besser als vorher. Abgesehen davon war ich lange nicht mehr so schön braun.
Es war hier noch kein Frost dieses Jahr. Ich habe sogar noch etwas Holunder
einmachen können. Statt unserer ziehen nun (Allerheiligen/Allerseelen) die
Wildgänse gen Süden.
Shukran djazilan. Vielen Dank.
In der Hoffnung, dem nächsten Kreuzzug den Wind aus den Segeln und in die
Segel unschuldig Reisefreudiger geleitet zu haben - grüße ich alle.

 

Alexej Sesterheim
 

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